Eine triste Neubausiedlung, irgendwo am Rande einer norwegischen Großstadt – hier soll Anna (Noomi Rapace) nun zusammen mit ihrem Sohn Anders (Vetle Qvenild Werring) eine neue Heimat für ein besseres Leben finden. Vom Vater misshandelt, hat der achtjährige Junge schon einiges mitgemacht, weshalb Anna ihn nun mit krankhafter Fürsorge überschüttet. Um auch nachts jeden seiner Atemzüge kontrollieren zu können, kauft sie sich ein Babyphon. Doch schon bald sendet das Gerät grausame Geräusche von einem schreienden Kind, die offenbar nicht von Anders kommen. Ist Anna gerade Zeugin eines Mordes geworden? Oder spielen ihre Ängste mit ihr verrückt?
Regisseur Pål Sletaune liefert mit seinem neuen Film „Babycall“ (2012) eine heftige Story, die den Zuschauer nach und nach mit immer mehr Mysterien konfrontiert. In drückenden Grautönen gehalten, entwickelt sich die Handlung langsam von einer traurigen Geschichte hin zu einem packenden Thriller, dessen endgültige Auflösung Sletaune bis zum Schluss schuldig bleibt. Auf brutale Weise hinterfragt er die Sinne seiner Zuschauer, indem er sie herausfordert, zwischen Wahrheit und Wahn zu unterscheiden, während diese beiden Pole im Film immer mehr verwischen. War es ein böser Mord oder nur Einbildung, was Anna da gehört hat? Und woher kommt der geheimnisvolle See im Wald, der doch eigentlich nur ein Parkplatz ist? Noomi Rapace (dem deutschen Publikum bekannt als Elisabeth aus der schwedischen Verfilmung von Stieg Larssons Millennium-Trilogie) überzeugt in der Rolle der hyperbesorgten Mutter Anna mit vielen Gesichtern. Es ist vor allem die ängstliche Getriebenheit in ihrem Blick, die mit dieser Figur mitfühlen lässt. Kristoffer Joner ist als naiv-schüchterner Verehrer Helge, der seine sterbende Mutter begleitet, der passende Gegenpol dazu.
Gemeinsam stellen die beiden Protagonisten auf höchstem schauspielerischen Niveau ein Handlungsrätsel, mit dessen Auflösung der Zuschauer nach dem Abspann allerdings alleine gelassen wird. Denn am Ende stehen tausend Fragen, die Raum für tausend Interpretationsmöglichkeiten lassen – von denen aber keine so recht als des Rätsels schlüssige Lösung funktionieren will. So bleibt „Babycall“ unbequem unbefriedigend und gerade deshalb doch sehenswert.
Norwegischer Kinostart Juli 2012, auf DVD in Deutschland seit Februar 2013
Source:
http://norwegischekulturhappen.com/2013/02/17/zwischen-wahn-und-wahheit/